SV Hundsangen e.V. 1926

01.10.2016, 09:41, Alter: 2 Jahre
Kategorie: Allgemein

Rückpass Wirges II

Von: Andreas Hundhammer

 

 

 

 

Rückpass

Ein Projekt, zum Scheitern verurteilt

 

 

Andreas Hundhammer

über Sinn und Unsinn einer zweiten Mannschaft

 


 

Eins vorweg: Der Verfasser dieser Zeilen hat selbst 17 Jahre lang für die Spielvereinigung Eintracht Glas-Chemie Wirges Fußball gespielt, ist dort in der Jugendabteilung groß geworden und nicht zuletzt dank einer zweiten Mannschaft zu einem passablen Rheinlandligaspieler gereift.

 

Mit dem Rückzug der Wirgeser Reserve zu Beginn der Woche herrschte endlich Klarheit. Fortan muss kein Verein in der Bezirksliga Ost vor Heimspielen gegen die Eintracht Glas-Chemie mehr mit der Befürchtung leben, Getränke kaltgestellt, Würstchen aufgetaut und den eigenen Anhang bereits in den Startlöchern stehen zu haben, um dann wenige Stunden vor dem Anpfiff festzustellen, dass der ganze Aufwand umsonst war. Am Ende der Saison wird es sogar nur der VfL Bad Ems sein, dem dieses Schicksal widerfahren ist. Doch das ist gar nicht das Thema.

 

Es sollte ein besonderes Projekt werden, aus der Not geboren und trotzdem innovativ. Diesen Eindruck erweckt zumindest die Vorstellung von einer zweiten Mannschaft, wie sie die EGC auf ihrer Internetseite niedergeschrieben hat. Der Kerngedanke: Zum einen Spielpraxis für die Senioren, die in der Rheinlandliga nicht zum Einsatz kommen, zum anderen ein fließender Übergang vom Nachwuchs- in den Männerbereich. Ein Mix aus Perspektivspielern der ersten Mannschaft und Talenten aus der A-Jugend sollte es demnach in der Bezirksliga richten. An jedem Spieltag aufs Neue. Ohne gemeinsames Training. Ein Himmelfahrtskommando, das nicht mal die Hälfte der Hinrunde überdauerte. Am Montag also meldete der Verein die Reserve vom Spielbetrieb ab, oder besser gesagt: Er stellte den Spielbetrieb für die Bezirksliga ein. Denn eine Wirgeser Mannschaft im herkömmlichen Sinn hat es in dieser Liga in dieser Spielzeit eigentlich nie gegeben.

 

Nimmt man alle Spieler zusammen, die in den 450 Bezirksligaminuten (plus Nachspielzeit) zum Einsatz gekommen sind, ließe sich daraus ein Kader basteln, der die Saison wohl zumindest nummerisch problemlos zu Ende gebracht hätte – Verletzungen, Sperren, Urlaube und berufliche Verpflichtungen mit einkalkuliert. Doch so einfach war es bekanntlich nicht. Denn mehr als die Hälfte dieses 25-köpfigen „Aufgebots“ bestritt weniger als die Hälfte der Partien. Heißt konkret: 13 Akteure standen nur ein- oder zweimal für die Reserve auf dem Platz – zu selten, um der vereinseigenen Doktrin gerecht zu werden.

 

Zweite Mannschaft? Nein, danke! Getreu diesem Motto haben im bezahlten Fußball einige Klubs längst einen anderen Weg eingeschlagen. In Leverkusen, Frankfurt und Bochum wurden die U 23-Teams wegen zu geringer Rentabilität abgeschafft. Beim Revierklub hat seit Sommer mit Jan Siewert der ehemalige Stützpunktkoordinator im Fußballverband Rheinland eine Doppelfunktion inne. Er ist als Trainer der A-Jugend zugleich Co-Trainer der Zweitligamannschaft. Seine Aufgabe ist es dabei, mittels einer individuellen Betreuung der Jungstars diesen den Sprung in den Profibereich zu erleichtern.

 

Ein derartiges Modell funktioniert im Amateurfußball freilich nicht. Dafür fehlen allein schon die Geldmittel, um einen Trainer mit entsprechender Qualifikation anstellen zu können – hauptamtlich, versteht sich. Doch wie schon die Viererkette im unterklassigen Fußball den Libero verdrängt hat, so schauen sich die kleinen Vereine auch in Sachen Talentförderung gerne was vom großen Fußball ab. Vielleicht wollten die Entscheidungsträger in Wirges den Spieß einfach mal umdrehen und, wenngleich aus der Not geboren, ein Vorbild in Sachen Talentförderung für andere leistungsorientierte Vereine in der Region sein. Warum auch nicht, hätte ja klappen können. Was am Ende jedoch einzig und allein davon übrig bleibt, ist die Erkenntnis, dass es im Amateurfußball vorerst keine Alternative zu einer eigenständigen zweiten Mannschaft gibt, wenn es um eine hohe Durchlässigkeit vom Junioren- in den Seniorenbereich geht – basta!

 

Wollen die Handelnden bei der Eintracht Glas-Chemie weiter auf Pferde aus dem eigenen Stall setzen, wird ihnen also auf ein Neues die Aufgabe zuteil, eine schlagkräftige Reserve zu formen. Für die nächste Saison, dann eine Klasse tiefer in der Kreisliga A. Diesmal aber mit geregeltem Trainingsbetrieb.

 

Ein französischer Kaiser sagte einst: „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.“ Und wer länger jung bleibt, dem steht mitunter sogar eine rosige Zukunft bevor. Das gilt jedenfalls im Sport, insbesondere im Fußball. Treffendes Beispiel: eine zweite Mannschaft. Denn wem nach seiner Zeit als Jugendspieler die Möglichkeit geboten wird, sich im Seniorenbereich zusammen mit annähernd Gleichaltrigen weiter zu entwickeln, statt sich im Schatten etablierter Leistungsträger auf der Ersatzbank den Hintern platt zu sitzen, der wird sich eher früh als spät selbst in einer tragenden Rolle auf dem Platz wiederfinden – fußballerisch wie sozial. Das gilt im Amateurbereich mehr noch als im Profigeschäft.

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